\

"J^/Tl^/tS c/n

jCo^lnacc, yde Ql^Ull cL ^^ft^^^j-ttiu . \JL<^^

1

J

yÄe J(^}cu>tlou^ ^Äe v^^%A/^lyytAe //^ /&0/9

Sitziingsbericlite

der

köiiigl bayer. Almdemie der Wissensclmften

zu München.

Jahrgang 1870. Band I.

München.

Akademische Buchdruckerei von F. Straub.

1870.

In Conimission bei G. Fr.-inz.

ftS

!?70

üebersicht des Inhaltes.

Die mit * bezeichneten Vorträge sind ohne Auszug.

Mathematisch-physikal. Classe. Sitzung vom 8. Januar 1870.

Seite

V, Steinheil: v. Steinheil's vollständiger Comparator zur Ver- gleichung der Toise mit dem Meter und zur Bestimmung der absoluten Längeuausdehnung

der Stäbe (mit einer Tafel) 1

Vogel: lieber die Veränderung einiger Blumen- und Blütben-

farben durch Ammoniakgas 14

Pfa ff: lieber den Betrag der Verdunstung einer Eiche während

der ganzen Vegetationsperiode 27

V. Kobell: Ueber den Rabdionit, eine neue Mineralspecies

und über einen lithionhaltigen sog. Asbolan . . 46

PhilosopliiscJi-philol. Classe. Sitzung vom 8. Januar 1870.

Plath: Ueber die Quellen der alten chinesischen Geschichte,

mit Analyse des Sse-ki und I-sse 53

IV

Seite

*Mauror: lieber die Heensa-Poris saga 112

*IIofmauu: Ueber Fei'ofus, des normannischen Dichters, Guil-

laum le Clerc 112

Historische Classe. Sitzung vom 8. Januar 1S70. *v. DöUinger: Ueber Dante als Propheten 112

Mathematisch-physikal. Classe. Sitzung vom 5. Februar 1870.

V. Bezold: Untersuchungen über die elektrische Entladung. 113 Goppelsröder: Ueber eine schnell ausführbare und genaue Methode der Bestimmung der Salpetersäure sowie über deren Menge in den Trinkwassern

Basel's 129

Gümbel: Ueber den Kiesvulkau und über vulkanische Er- scheinungen im ßieskessel 153

FhilosopMsch-philol. Classe. Sitzung vom 5. Fehruar 1870.

Plath: Ueber die Quellen der alten chinesischen Geschichte,

mit Analyse des Sse-ki und I-sse (Schluss) .... 201

Lauth: Ueber Chufu's Bau und Buch. (Papyrus Prisse. II. Theil) 245 *Christ: Ueber die rhythmischen Formen der griechischen

Hymnen des Mittelalters 274

Seite

Historische Classe. Sitzung vom 5. Februar 1870.

*Bai'on V. Lilie nkruu: UcbiT das Werk des Kaisers Maxi- milian I. der „Weiss-Kunig" . . . 274 *KIuckhohii: lieber zwei Gesandtschaften Kurfürst Friod-

rich's von der Pfalz nach Paris (1567 u. 1574) 274

Einsendungen von Druckschriften 275

MatJiematlsch-pJujsilial. Classe. Sitzung vom 5. März 1870.

Thudiehum: Ueber die Kryptophansäure, die normale freie

Säure des Harns 285

Nöllner: Ueber den Lüneburgit in Harburg 291

V. Kohell: Ueber den Gümbelit, ein neues Mineral von Nord- halben bei Stehen in Oberfranken 294

Seidel: Einige Bemerkungen in Bezug auf die Beobachtung der im Jahr 1874 bevorstehenden Durchgänge der

Venus durch die Sonne 297

Bischoff: Ueber die kurzen Muskeln des Daumens und der

grossen Zehe (mit einer Tafel) 303

Fhilosophiscji-philol. Classe. Sitzung vom 5. März 1870.

Halm: Ueber aufgefundene Fragmente aus der Freisinger

Handschrift der fabulae des Hyginus 317

VI

Seite

Haug: Ueber das Arddi Viruf nämeli (die Visionen des alten Pärsenpriesters Ardäi Wiräf) und seinen augebliclien Zusammenhang mit dem christlichen Apocryphon 'die

Himmelfahrt des Jesaja' betitelt 327

*Hofmann: Ueber a) ein von ihm aus einer Handschrift des hiesigen Reichsarchivs abgeschriebenes althochdeutsches Bruchstück des Xotker Teutonicus de octo tonis, aus dem sich wesentliche Verbesserungen des Ab- drucks bei Hattemer ergeben . . . 865 b) eine Abschrift des Spruchgedichts von Hans Schneider über den im Jahre 1478 hingerichteten Bürgermeister Ulrich Schwarz von Augsburg aus dem Cod. germanicus 379 der hiesigen Staats- bibliothek 365

Historische Classe. Sitzung vom 5. Mars 1870.

*Coruelius: Ueber den Plan Heinrichs IV. gegen das Haus Habsburg, insbesondere über die Ergebnisse der diplomatischen Verhandlungen, welche Heinrich zum Zweck seines Augriffs auf Spanien geführt hat 1609—1610 365

Oeffentliche Sitzung zur Feier des 111. Stiftimgstages am 28. März 1870.

Nekrologe 306

*Preger: Ueber die Entfaltung der Idee des Menschen durch

die Weltofeschichte 434

vn

Seite Einsendungen von Druckschriften 435

PhilosopJiisch-phüol. Classe. Sitzung vom 7. Mai 1870.

Thomas: Bruun, geographische Bemerkungen zu Schiltberger's

Reisen (Fortsetzung) 441

Urlichs: Studien zur römischen Topographie. T. Die Brücken

des alten Roms (mit einer Tafel) 459

Hof mann: a) Hans Schneiders historisches Gedicht auf die Hinrichtung des Augsburger Bürgermeisters Schwarz 500

b) Ueber das Züricher Arzneibuch des XH. Jahr- hunderts 511

c) Beiträge zur Texteskritik der Nibelungen . . 527

d) Ueber ein Notkerfragment 529

*v. Haneberg: Das muslimische Recht des G'ihäd, d. i. des

Krieges und der Eroberung etc 531

Matliematisch-pliysikal. Classe. Sitzung vom 7. Mai 1810.

Lommel: Das Leuchten der Wasserhämmer 532

Bollinger: Ueber das Wurmaneurysma (Aneurysma verminosum) der Eingeweidearterien und die Kolik der Pferde 539 Rief 1er: Ueber das Passage-Prisma (mit einer Tafel) . . . 545 *Bischoff: Zur vergleichenden Anatomie des Hylobates leu-

ciscus 548

VIII

Seite

Historische Classc. Sitzung vom 7. Mai 1870.

V. Giesebrecht: Beitrage zur Genealogie des bayrischen

Adels im 11., 12. und 13. Jahrhunderte . 549

Einsendungen von Druckschriften

Sitzungsbericlite

der

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften.

Mathematisch-physikalische Classe.

Sitzung vom 8. Januar 1870.

Herr v. Steinheil legt vor eine Abhandlung:

„V. Steinheil's vollständiger Comparator zurVergleichung der Toise mit dem Meter und zur Bestimmung der abso- luten Längenausdehnung der Stäbe." (Mit einer Tafel.J

General v. Baeyer hat die sehr folgereiche Thatsache fest- gestellt, dass sich der Ausdehnuugs-Coeffizient für Zink in längern Zeitperioden ändert. Es ist kaum zu bezweifeln, dass auch andere Metalle, namentUch solche, deren absolute Elastizität enge Grenzen hat, ähnliche, wenn auch kleinere Veränder- hchkeit bei genauer Prüfung zeigen werden. Dadurch tritt aber für alle genauen Massbestimmungen eine neue noch nicht gekannte und gar nicht unerhebliche Unsicherheit ein und es wird die nächste Aufgabe bilden diesem üebelstande zu begegnen. [1870. I. 1.] l

2 Sitzung der math.-phys. Classe vom S. Januar 1870.

Während man bisher den Stoff zu Längenmassen fast willkührhch wählte, nur etwa geleitet durch chemische oder physikalische Eigenschaften, welche eine längere Invariabilität erwarten Hessen (Piatina, Silber, Eisen, Messing etc.) wird man jetzt erst den Stoff zu finden haben, der keine oder die kleinste Aendeiung in der Ausdehnung nachweiset.

Es steht zu erwarten, dass nur vollständig elastische Körper Masse liefern werden deren Ausdehnungs-Coeffizient invariabel ist. Denn werden Stäbe durch ^angehängte Gewichte über ihre Elastizität ausgedehnt, so kehren sie, nach Ent- fernung der Last nicht nur nicht zur ursprünglichen Länge zurück, sondern sie fordern nun auch eine kleine Belastung, um abermals über ihre Elastizitätsgrenze ausgedehnt zu werden, d. h. ihre Elastizitäts-Grenze hat geändert. Ist es nun gleichgiltig ob die Verlängerung des Stabes durch angehängte Gewichte oder aber durch höhere Temperatur bewirkt wurde, was anzunehmen ist, da ein durch Wärme ausgedehnter Stab zwischen Widerlagen von constantem Ab- stände dieselbe Kraft übt, welche uöthig gewesen wäre als Last ihn eben so viel zu verlähgern, als er ohne Widerlagen länger geworden wäre, so erklärt sich die Veränderlichkeit der weichen Metalle und folglich ihre Unbrauchbarkeit zu genaueren Massstäben. Es wird durch diese Betrachtungen in hohen Grade wahrscheinlich, dass alle Stoffe, welche sehr enge Grenzen der absoluten Elastizität besitzen als Blei, Gold, Platin, Zink, Zinn etc. mit der Zeit bloss durch den jährlichen Gang der Temperatur dem sie ausgesetzt sind, veränderliche Ausdehnung bekommen, dagegen sehr voll- kommen elastische Körper d. h. solche deren Elastizitäts- grenzen sehr weit sind, als Glas und Glasflüsse, Porzellan, federharter Stahl, gehämmertes Kupfer, Krystalle etc. bei den vorkommenden Temperatur differenzen ihre Grenze nicht über- schreiten und folglich constant bleiben. Doch ist die Fr ge von viel zu grossem Belang, um auf diese Betrachtungen hin

V. SteinheiVs Comparator. 3

den Stoff für Xormalmassstäbe jetzt schon festzustellen. Vielmehr ist es unerlässlich diesem Gegenstande eine eigene gründliche Untersuchung zuzuwenden. Dass man aber zu dieser Untersuchung vor Allem ein Mittel haben muss die Ausdehnung für kleine Temperaturunterschiede scharf und sicher zu bestimmen, ist klar. Es wird daher auch gerecht- fertigt erscheinen darauf hinzuarbeiten, dass die Anwendung des Fühlspiegels, der bei meinem Meter-Comparator so merk- würdig grosse Genauigkeit ergeben hat. auch hiezu einge- führt werde. Es ist diess um so mehr indizirt, als sich dieser Zweck mit kleineu Aenderungen in der Coastruction des Meter-Comparators erreichen lässt.

MündHch aufgefordert von General von Baeijer einen solchen Comparator für ihn zu construiren. der für absolute Längenausdehnungen und zugleich zur Bestimmung des Ver- hältnisses von Meter und Toise anwendbar wäre und endlich auch die Vergleichung der Masse a trait mit denen a bout erlaubte, habe ich im Zusammenwirken mit dem Herrn General im verflossenen Herbste ein solches Instrument con- strüirt und für Herrn von Baeyer in Arbeit gegeben. Auch für die matb.-phys. Sammlung des Staates war schon früher ein ähnh'cher Comparator in Ausführung begriffen. Es dürfte daher zeitgemäss sein dessen Be-chreibung zu veröffentlichen, damit die Aufgabe von verschiedenen Beobachtern mit gleich empfindHchen Hülfsmitteln verfolgt werden kann.

Ehe wir zur Beschreibung übergehen, erlauben wir uns noch einige einleitende Betrachtungen.

Die sicherste Masseinheit wäre wohl diejenige, welche allen Teraperaturänderungen entzogen wäre. Das kann man bewirken, wenn man die Benutzung der genauen Masseinheit auf eine bestimmte Localität beschränken will, nämlich da- durch, dass man sie in einem hinreichend tiefen und trockenen Keller, der stets dieselbe Temperatur behält, aufbewahrt. Da diess jedoch mit grossen Unbequemlichkeiten verknüpft ist,

1*

4 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 8. Januar 1870.

kann man auch bloss die Fundameutpunkte der Masseinheit also ihre beiden Endpunkte in einem Räume fixiren, der zu allen Jahreszeiten gleiche Temperatur behält. Dann bleibt auch der Abstand dieser Punkte immer gleich. Man muss also die Punkte nur hinreichend tief legen. Wenn die senkrechten Axen in diesen Punkten bis über die Oberfläche der Erde verlängert wären, würde man durch sie einen bei allen Tem- peraturen constauten Abstand gewinnen und das ist die Be- dingung, um die absolute Läugenausdehnungen überhaupt zu bestimmen, indem man den Masstab bei verschiedenen Tem- peraturen vergleicht mit dem constauten Axen-Abstande. Die 2 fundamentirten Punkte müssen also getrennt von dem um- gebenden Erdreich ganz symmetrisch gegen die Verticalaxe und beide genau gleich heraufgeführt werden aus der con- stauten Temperatur bis über die Oberfläche des Erdbodens wo die Vergleichungen vorgenommen werden sollen. Es ist nöthig diese beiden Pfeiler möglichst stark im Verhältniss zu ihrer Höhe zu bauen um Durchbiegungen zu vermindern. Da man um so unabhängiger wird von kleinen Aenderungeu, die sie denn doch noch zeigen können, wird man ihren Ab- stand möglichst gross machen. Gesetzt man wählte einen Abstand von 10 Toisen zwischen den Axen der Pfeiler; so wäre man bei der Bestimmung der Ausdehnung des Massstabes, mit welchem der Abstand bei verschiedenen Temperaturen gemessen würde, 10 mal sicherer bei gleicher Aenderung in den End- punkten als wenn man sich auf eine Toise beschränkte. Bei so grossem Abstände könnte auch die Entfernung der Endpunkte sehr leicht und sicher gemessen werden, wenn man sich meines cylinderschen Messrades bediente. Ein Schienenweg von 10 Toisen könnte bei geringen Kosten mit aller Genauig- keit hergestellt werden. Die Vergleichung zwischen dem Rade und der benannten Masseinheit (etwa Toise oder Meter) würde sich sehr leichtergeben, wenn der Abstand (10 Toisen) auch nach der bisherigen Methode wie eine kleine Basis

von StdriheiVs Coviparator. 5

gemessen würde. Ein solcher constanter Abstand von 2 sorgfältig fundamentirten Punkten bildet offenbar eine sicherere Masseinheit als jeder Massstab. Er könnte überhaupt nur alterirt werden durch Erdbeben. Man hätte also in der Wahl des Ortes darauf Rücksicht zu nehmen und in ver- schiedenen von Erdbeben freien Gegenden solche Massein- heiten zu fundamentiren. Alle zu jeder Zeit leicht mit dem Messrad nachmessbar, liesen jede Veränderlichkeit in ein- zelnen Basen und jede Aenderung im Messrade erkennen und gäben somit für alle Zeiten der Masseinheit grössere Sicher- heit, als wir jetzt zu erlangen vermögen.

Dieser Gedankengang Hegt dem neuen Comparator zu Grunde nur mit dem Unterschiede, dass der Abstand der 2 fundamentirten Punkte nur ca. 2 Meter beträgt, also eine direkte Vergleichung des Messrades oder Cylindermassstabes mit Toise und Meter ausgeschlossen ist.

Beschreibung des Comparators.

Die heraufgebauten fundamentirten Punkte gehen nach oben in eingekittete Glascylinder über, welche in das für Masse bestimmte Gefäss von Spiegelgläsern durch die weiter ausgeschnittene Bodenplatte eingeführt sind. Damit die Masse unter Flüssigkeit verglichen werden können, ist eine Liederung von Kautschuck um die Cylinder gesteckt und auf dem vor- springenden Kranze derselben steht das Gefäss auf und be- wirkt durch seine Schwere den Abschluss der Flüssigkeit, ohne dass die Ausdehnung des Glasgefässes einen Zwang auf die Glascylinder der Pfeiler ausübt.^)

1) Es ist klar, dass man einen noch sicherern wasserdichten Schluss zwischen Pfeilerzapfen und Bodenplatte erzielen würde, wenn 2 Parallelgläser auf den Pfeilerzapfen conisch aufgeschlifi"en würden. Diese Parallelgläser lägen auf der Tischplatte von Gusseisen und es wäre eine Schichte von Oel zwischen der Eisenplatte und den Parallel- gläsern. Es könnte daher die Tischplatte verschoben werden, ohne einen namentlichen Druck auf die Cylinder zu üben. Auf die 2

6 Sitmng der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870.

Noch sind die Glascylinder senkrecht herab und von derselben Seite hei' zur Hälfte abgeschnitten und diese senk- rechten parallelen Flächen an den Glas-Cylindern bilden den Constanten Abstand mit dem die Masse vergUchen werden, deren Ausdehnung bestimmt werden soll. Die Berührungs- flächen sind nach derselben Seite gerichtet damit der Druck des angefederten Spiegels beide Pfeiler nahe um gleich- viel biege. ^) üeberhaupt werden sich die Pfeiler durch- diesen Druck nur sehr wenig biegen und darum wird die Durchbiegung auch so hinreichend eliminirt.

Da nun Masstäbe zu vergleichen sind, deren Endflächen sphärisch sind, die Spiegel des Cowparatoi-s aber nur an sphärischen Flächen richtig tangiren und den Tangirungs- punkt durch die Newtonschen Farbenringe zeigen, so sind kleine Ab s ch ieb e -Cy linder mit je 2 sphärischen End- flächen aus Glas angefertigt die an beiden Endflächen iu der Axe des Masstabes liegen und also mit in die Ver- gleichung gezogen werden. Es sind 6 solcher sehr nahe gleicher Abschiebe-Cylinder erforderlich. Ihre Länge beträgt je

22.735 Pariser Linien so dass 38 solcher Cylinderlängen gleich einer Toise und 39 gleich 2 Meter sind. Das was noch fehlt, soll ohne An-

Parallelgläser kömmt dann ebenso mit Oelschichte der Glastrog zu stehen, der ebenfalls obne Zwang auf die Cylinder kleine Verschieb- ungen erleiden könnte. Dass das Oel stets flüssig erhalten werde oder erneuert werden müsste, versteht sich von selbst.

2) Der Druck ist für beide Pfeiler wohl ganz gleich, allein die vor- springende Widerlage des Cylinders ist niedriger auf der Seite des beweglichen Spiegels als auf der des feststehenden. Der Druck wirkt folglich für den feststehenden Spiegel an längerem Hebel und es wird dieser Pfeiler mehr gebogen als der andere. Wollte man die Durchbiegung der Pfeiler ganz aufheben, so wären Gegengewichte erforderlich, welche auf der entgegengesetzten Seite des Pfeiler wirkten und die Kraft , aufheben mit der die Masse angedrückt werden.

von Steinheils Comparator. 7

Wendung des i?e;j5oZfZ'schen Scliraubenmikrometeis blos aus der Neigung der tangiienden Parallelgläser gefunden werden.

Brächte man die Pitralklgläser in Verbindung mit eineui Schraubenschuber der den Spieg« 1 bis zur Taugirung an den übereinander stthen den Massenden füJirt, so würde man den Vortheil, welcher in dem Prinzip hegt aufgeben und eine grosse Unsicheiheitindie Messungen bringen, weil die Drehungspunkte der Spiegel dann genau genommen (in Spitzen gehend) variabel sind und auch die Kraft unbekannt bliebe mit der die Schraube den Spiegel andrückt. Man ist also genöthigt, aus der Neigung der Spiegel und dem Abstände der Bt rührungspunkte die Längendiflferenz abzuleiten. Da nun aber grössere Längen- differenzen vorkonmien als der Apparat zu messen g^^stattet, wenn die Massstäbe direkt aufeinander liegen, so sind Rollcylinder von verschiedenen Durclimessern angefertigt , die zwischen die Masse zu liegen kommen und also den Abstand der Berühr- ungspunkte je nach Bedarf grösser oder kleiner machen. Man hat zwar bei grösserem Abstände eine kleinere Empfind- lichkeit des Okularmikrometers ; allein der aliquote Theil des Mikrometerganges, der als Fehler der Einstellung bleibt, ist so klein, dass die Empfindlichkeit oder die Genauigkeit der Messung in allen Fällen genügt.^)

Die Abschiebecyliuder dienen zugl-jich um eine Toise mit 2 Metern vergleichen zu können. Bei solchen Vergleich- ungen von Massen untereinander ist der variable Abstand der Pfeiler-Glascylinder unnöthig. Man hat also in solchen Fällen nur die Cylinder der Fixpunkte herauszunehmen.

Je 2 Abschiebe-Cylinder sind senkrecht übereinander getragen von einem horizontal ausgebohrten Ständer. Ihre Höhe kann verstellt werden, so dass sie genau in die Ver- längerung der Axen der Masse zu stehen koajmen.

3) Man wird übrigens selten gezwungen sein von diesem Prinzip Gebrauch zu machen, da der Apparat ohne dickere Rollcylinder doch Längendifferenzen von '/s Linie und selbst mehr zu messen gestattet,

8 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Januar 1870.

Im Uebrigen ist der Comparator gleich mit dem in den Wiener Denkschriften Bd. XXVII ,,Ueber genaue und in- variable Copien etc." beschriebenen nur mit dem Unterschiede, dass das Glasgefäss wegen Messens der ganzen Toise mehr als doppelt so lang ist und weit grössere Tiefe hat, weil für beträchtlichere Längendifferenzen dickt-re Rollcylinder in Anwendung kommen und doch die Massstäbe ganz unter Flüssigkeit bleiben müssen. Aus diesem Grunde sind auch die Parallelgläser weit höher und dicker als bei dem Meter- Comparator, wie aus der Zeichnung zu sehen. Endlich ist noch eine Aenderung an dem Mikrometer-Fernrohr zu be- rüliren. Zur Vermeidung aller falschen Reflexbilder von welchen der erste Comparator nicht frei ist, wurde das Beleuchtungsglas hier vor die Fäden des Okularmikrometers gestellt und dann erst das Okular angebracht, während beim ersten Apparat das Beleuchtung^glas vor dem Okular sitzt. Man erhält jetzt das ganze Gesichtsfeld gleichmässig erleuchtet und kann verschiedene Vergrösserungen in Anwendung bringen, ohne an der Berichtigung des Apparates zu ändern.

Um den Werth der Abschiebe-Cylinder mit dem Com- parator ermitteln zu können ist ein Doppel-Meter von Glas beigegeben, welcher seiner Länge nach auf der Mitte der breiten Seite eine Rinne oder Leitbahu eingeschliffen hat. Der Cyhnder liegt wie bei dem BesseVschen Comparator durch Friktion in den Kanten der Rinne. Die Rinne geht natürlich nicht bis zur Mitte der Stabesdicke, sondern es sind die Endflächen aus dem Centrum des Stabes mit 1 Meter Radius sphärisch bearbeitet. Man beginnt die Abschiebung an dem feststehenden senkrechten Parallelglase. Nach 39 Cylinderlängen wird der bewegliche Spiegel zum Anliegen an Stab und Cylinder gebracht. Es ist ein Gewicht vorhanden, welches auf den Cylinder in der letzten Lage aufgelegt wird, damit er bei'm Anlegen des Spiegels nicht zurückgleitet. Die Abschiebung erfolgt unter Flüssigkeit und es ist der in

von SteinheiVs Comparator. 9

Abschiebung begriffene Cylinder mit einer angekitteten leicht ablösbaren Handhabe versehen, um nicht durcli die Berührung erwärmt zu werden.

Die Vergleichung eines Masses a bout mit demselben Masse a trait fordert nur ein möglichst gutes Mikroskop mit Ukularfilarmikrometer, der Massstab a trait und das Mikroskop sind durch die Längenwand des Troges der aus Spiegel- platten zusammengesetzt ist, orientirt. Die Methode der Vergleichung ist übrigens zu bekannt um hier wiederholt zu werden.

Zum Schluss wollen wir jetzt noch den ganzen Apparat mit Zuziehung der Zeichnung zusammenstellen um die Ueber- fcicLt zu erleichtern.

Aus den fundamentirten Pfeilern ragen die fagetirten Tragsäulen A, A' etwa 3 Fuss über den Fussboden hervor. In den Axen der Säulen sind die Glascylinder 5, H' ein- gekittet. Die Tragsäulen müssen eine symmetrische Gestalt gegen ihre Längenaxe haben, damit eine Temperatur-Aenderung des obern Theiles der Säule keine Verstellung ihrer Axe bewirkt. Der Abstand der Längenaxeu beträgt 2 Meter -1- 1 Ab- schiebecylinder oder 909.335 Pariser Linien. Da dieses Mass bei der Ausführung nicht genau getroffen werden kann und doch nur wenig fehlen darf um mit der Neigung des Spiegels noch messbar zu sein, so ist die Einrichtung getroffen, dass der Abstand der Berührungsplatten der Glascylinder an dem einen Cylinder mit Schrauben verstellbar ist.

Ueber die beiden Pfeiler kömmt ein aus 4 Holzwänden ge- bildeter Rahmen a, h, c, d. der durch eine aufgelegte Platte von Gusseisen e, e, e, e zum Tisch umgestaltet wird. Natürlicli sind in der Platte 2 Löcher für die Glascylinder etwas weiter als die Cylinder ausgearbeitet, so dass letztere frei durchgehn. Der innere Raum dieses Tisches oder Kastens ist mit schlechten Wärmeleitern (Sägespähne oder Baum- wolle etc.) ausgefüllt.

10 Sitzung der math.-phys. Gasse vom 8. Januar 1870.

Auf die gusseisene nivellirte Platte kommt, nachdem die Kautsehukplatten über die Glascylinder gesteckt und ihre Scheiben g g' auf dem Tische ausgebreitet sind, der Glas- kasten f, f, f, f, zu stehen. Auch dessen Boden hat 2 Löcher, durch welche die Glascylinder frei hindurch gehu. Der Glaskasten sitzt also nur auf den 2 Kautschuk-Scheiben gg' auf und bewirkt so den wasserdichten Schluss durch seine Schwere.

An dem einen Ende des Tisches vor dem Glaskasten steht der Fernrohrträger g„ der so hoch ist, dass das Objektiv über den Glastrog hinwegsehen kann. In den Glas- trog kommt am Ende des Troges das feststehende Parallel- glas h festgekittet^) auf den Glascylinder JB'. Gegenüber am Fernrohr-Ende des Troges steht der Schuberschlitten ?', welcher den verstellbaren Spiegel Ic trägt. Endlich ist auf den Boden des Glasgefässes eine ebenfalls aus Glasplatten gebildete Brücke oder ein Schemel l gesetzt, der den Mass- stäben als Unterlage dient. Damit der Massstab sich frei und unabhängig vom Schemel ausdehnen kann, sind 4 Roll- cylinder von Glas quer über die Brücke gelegt. Die Cylinder m, m, m, m, liegen also senkrecht zur Längenaxe des Mass- stabes. Es sei der Massstab eine Toise n. Nun kommen die Träger oder Ständer mit den Abschiebecyhndern zwischen die Spiegel und die Enden der Toise. Sie sind durch ihren Fuss am Glaskasten orientirt und werden nur in der Höhe so gestellt, dass sie auf die Mitte der Stabdicke treffen. Die Toise wird dann seitlich nach den Cylindern gerichtet so, dass dieselbe Vertikalebeue durch die Axe der Toise führt.

4) Wenn die Planfläche am Glascylinder JB' nicht ganz genau und im hohen Grade plan geschliffen ist, so sitzt der nur am Rande umgekittete Spiegel nicht fest. In diesem Falle, der wohl immer eintreten wird, ist es nöthig das Planglas erwärmt auf Pechtropfen aufzusetzen, so wie Fraunhofer seine Objektivlinsen zum Poliren auf- setzte. Das Glas ist dann in so vielen Punkten unterstützt, dass keine Durchbiegung stattfindet und die Pechtropfen gleichen die Gestalt- fehler der Unterlage aus.

von Steinheü's Comparator. 11

Wie wir den Apparat bis jetzt zusammengestellt haben, dient er, nachdem der Stab unter Flüssigkeit gesetzt ist etc., um die absolute Ausdehnung der aufgelegten Toise zu be- stimmen. Soll aber die Toise mit 2 Metern verglichen werden, so kommen auf die Toise wieder Rollcyliuder o, o, o, o, und auf diese die 2 Meter ^j uud^j'. Man hat jetzt nur den untersten Abschiebecylinder, der bei B gegen den Berührungs- punkt des Pfeilers drückt herauszunehmen und den Spiegel Je in der Höhe so zu verstellen, dass seine Drehungsaxe in der Mitte zwischen der Axe der Toise und der Meter liegt.

Es ist von selbst einleuchtend wie Toisen unter ein- ander verglichen werden. Sollen einzelne Meter verglichen werden, so ist eine kürzere Brücke erforderlich und es wird der Spiegelschuber um 1 Meter näher gegen den feststehenden Spiegel gerückt und in dieser Lage fest- gekittet, wenn man nicht vorzieht blos die 2 zu vergleichenden Meter zu wechseln, die andern 2 Meter aber im Apparate zu belassen.

Wir wollen noch darauf aufmerksam machen, dass es nöthig ist den beweglichen Spiegel dem Objectiv des Fern- rohrs möglichst nahe zu bringen, weil bei grossöm Abstände zwischen Spiegel und Objectiv die Neigung des Spiegels nur klein sein darf, wenn das gespiegelte Licht in das Objectiv treffen soll. Nimmt man an, der bewegliche Spiegel sei am untern Ende des Apparates aufgestellt, so ist sein Abstand vom Objectiv nahe 1043 Linien. Der Durchmesser des Objectives beträgt 12'". Es erscheint daher das Objectiv, vom Spiegel aus betrachtet, unter einem \Yinkel von 34' 26". Dreht nun der Spiegel uin V^^ dieses Winkels d., i. um 8' 36" so erhält das Objectiv nur noch die Hälfte des reflectirten Lichtes. Noch lichtschwächer darf das reflectirte Bild nicht werden, wenn die Schärfe der Einstellung nicht darunter leiden soll. Man könnte also keine grössern Längen- differenzen bestimm-n, als die einem Neigungswinkel von SVs

12 Sitzung der math.-phys. Qasse vom 8. Januar 1870.

Minuten entsprechende. Nimmt man jetzt an, der Abstand der Längenaxen der zu vergleichenden Masse wäre möglichst gross also etwa 24 Linien, so betrüge die grösste messbare Längendiffereuz nur

0'".06 also viel zu wenig um die Längenausdehnungen von 6 Fuss langen Stäben messen zu können. Es wird hiedurch klar, dass der bewegliche Spiegel dem Objectiv nahe stehen muss. Bei seiner jetzigen Stellung können Längendifferenzen bis zu

0'".7 ohne Lichtverlust gemessen werden, was bei allen Vergleich- ungen ausreicht.

Obschon demnach der hier beschriebene Apparat in praxi für alle Fälle genügen wird, habe ich doch nach- gedacht ob sich nicht andere Construktionen finden lassen, welche nach demselben Prinzip viel grössere Längendifferenzen messbar machten und will dieselben, da ich sie bis zu allen Detailzeichnungen ausgearbeitet habe, hier kurz andeuten um Anderen, die neue Apparate wollen, eine Wahl zu lassen.

Es wird dem aufmerksamen Leser dieser Blätter nicht entgehn, dass die Längenausdehnungsmessungen gegen die Massvergleichungen in einem Punkte zurückstehn nämlich darin, dass die Ausdehnungsniessungen nicht auch auf beiden Seiten des Nullpunktes angestellt werden können. Diess kömmt daher, dass die Massstäbe nicht auch unter den Fixpunkten der Pfeiler aufgelegt werden können. Man kann jedoch den Ausdehnungsmessungen die Vergleichung auf beiden Seiten des Nullpunktes verschaffen, wenn man die Ebene, in welcher gemessen wird um 90*^ verlegt und also in der Hoiizontalebene statt in einer Vertikalebene misst. Diess setzt voraus, dass der bewegliche Spiegel statt um eine Horizontalaxe zu drehen, um seine Vertikal axe dreht. Die mit den Pfeilerlagern zu vergleichenden Massstäbe können nun auf ihren Höhenkanten aufgestellt, auf beiden Seiten der

wn SteinheiVs Comparator. 13

Lagerpfeiler verglichen, somit der Nullpunkt eliminirt und und der doppelte Werth in der Bestimmung erhalten werden.

Verlangt man zugleich auch noch viel grössere Längen- differenzen zu messen als der Okularmikrometer gestattet, so kann eine genau getheilte Scala vor dem Objectiv in horizontaler Lage angebracht werden, wie bei dein GaMSs''sch£n Magnetometer. Das Okularmikrometer dient dann die Ab- stände der nächsten Scalastriche vom Mittelfaden genau zu messen und so der Scala-Ablesung die Mikrometergenauig- keit zu geben.

Hierdurch wäre jedoch das Prinzip aufgegeben auf das Spiegeigebild des Mittelfadens einzustellen und mit un- endlich entfernten Objecten ohne Okularverstellung zu messen. Man gewänne dagegen ein sehr helles Scalabild und sehr grosse Neigungswinkel. Indessen lässt sich auch das Princip der Einstellung auf das Spiegelbild des Mittelfadens für beliebig grosse Neigungswinkel des Planspiegels erhalten.

Dazu müsste die Vertikalaxe des Tangirungs-Spiegels zur Axe eines getheilten Horizoutalkreises gemacht werden. Auf die Alhidade dieses Kreises käme ein dritter belegter Parallel- spiegel, welcher das vom Tangirungsspiegel erhaltene Licht diesem wieder zurückspiegelt. Man hätte also nur die Alhidade mit dem festsitzenden Spiegel zu drehen, bis das Spiegel- bild des Mittelfadens mit diesem im Gesichtsfelde coiucidirte. Hiebei entfiele der Okularmikrometer und man würde diiekt den doppelten Drehungswinkel des Tangirungsspiegels ablesen, unabhängig vom Nullpunkte, wenn zwischen 2 Einstellungen die Massstäbe umgelegt würden.

Man wird vielleicht finden, diese Vorschläge complizirten den Apparat. Das gebe ich zu; allein es ist hier, wie bei allen numerischen Bestimmungen, je grösser die Anzahl der Anforderungen an das Instrument ist, desto complizirter wird sein Bau. Der Umstand ist folglich in der Natur der An- forderung begründet.

14 Sitzung der math.-phys. Classe vom -8. Januar 1870.

Herr Vogel trägt vor :

,,Ueber die Veränderung einiger Blunien- 9 undBlüthenfarben durch Animoniakgas."

Die überaus grosse Mannigfaltigkeit der Farben, wie wir sie an den frischen Blütlien und Blumenblättern in der Natur antreffen, i^t offenbar in der Verschiedenheit ihrer chenjischen Constitution begründet. Die Vorgänge im Inneren der Pflanze, aus welchen diese zahllosen Faibennuancen ent- springen, sind wahrscheinlich äusserst complizirter Art und da wir im Stande sind, aus den Ueberresten einer längst entschwundenen Flora die prachtvollsten und mannigfaltigsten Farbentöne, wie solche uns die Modifikationen des Änilin's in so glänzender Weise darbieten, künstlich allerdings auf langen Umwegen herzustellen, so darf der Gedanke an ähn- liche aber vitale Vorgänge in der vegetabilen Natur nahe- liegen. Die geringe Stabilität der Farben, in welchen die Blumen und Blüthen unserer Fluren auftreten, ist der Haupt- giund, wesshalb ihre Natur im Allgomeinen noch so wenig erforscht worden. Die seltene Mannigfaltigkeit der Farben, wie sie der Schleisheimer Hofgarten in seinen Tausenden von Blumen und Blüthen während dieses Sommers darbot, gab mir Gelegenheit, eine Versuchsreihe über das Verhalten der Pflanzenfarben im frischen Zustande zu Ammoniakgas zu veranlassen. Es ist bekannt, dass einzelne Blumen, wie z. B. Rosen, Phlox u. a. schon durch Tabakrauch ihre ur- sprüngliche Farbe verändern ; offenbar rührt in diesem Falle die Veränderung der Farbe ausschliesslich von dem Gehalte des Tabakrauches an Ammoniak her. Andere Pflanzen- farben erfahren dagegen von der Einwirkung des Tabak- rauches durchaus keine Aenderung. Hiernach schien es von

Vogel: Farbenveränderung von Blumen etc. 15

Interesse, die EinwJrkung des Ammoniakgases auf eine grössere Menge von Pflanzen auszudehnen und dessen Einfluss auf ihre Farben kennen zu lernen.

Die Ausführung des Versuches geschah in der Art, dass unter einer geräumigen Glasglocke eine gleichförmige Ent- wicklung von Ammoniakgas aus einem Gemenge von Salmiak und Kalkhydrat hergestellt wurde. Die Blumen, sämmtlich im frischen Zustande, befanden sich in gleicher Höhe über der Ammoniakgasentwicklung. Die Beobachtung erstreckte sich über drei Zeitabschnitte, nach welchen die eingetretenen Farbenveränderungen jedesmal notirt wurden, nämlich nach Einwirkung einer Viertelstunde, von 2 Stunden und von 12 Stunden. Eine länger als 12 Stunden andauernde Ein- wirkung stattfinden zu lassen , schien desshalb ungeeignet, als nach Verlauf dieser Zeit viele der zum Versuche dienen- den Pflanzen sich keineswegs mehr im frischen Zustande befanden. Es sind in solcher Weise l)is jetct 86 Species und Varietäten untersucht worden.

In der beigegebenen Tabelle finden sich die beobachteten Veränderungen nach den angegebenen drei Zeiträumen zur leichteren Uebersicht nebeneinander zusammengestellt.

Als allgemeines Resultat ergibt sich zunächst ein Unter- schied der Amiiioniakgas Wirkung zwischen den an Körnchen gebundenen und den in Lösung befindlichen Farbstofi'en der Blumen. Die Veränderung der ersteren ist durchschnittlich weit geringer, als die der letzteren. So bleiben z. B. die gelben Farbstoffe der ersteren Klasse fast ohne Ausnahme ganz unverändert oder zeigen höchstens einen etwas dunkleren Ton der Färbung, ebenso der rothe Farbstoff, welcher nur mit einer einzigen Ausnahme (Zinnia) in's Braunrothe über- ging. Die Gattung Zinnia, welche hier in 8 Varietäteo Gegenstand der Untersuchung geworden, bietet überhaupt wegen der complizirten Natur ihrer Farbstoffe eigenthümliche Verhältnisse in ihrer Beziehung zu Ammoniakgas. Die

16 Sitzung der math.-phys. Classe vom 8. Jmiuar 1870.

oberste Zellenlage enthält nämlich einen blaurothen Saft und orangefarbene Körnchen, die unteren Zellenlagen einen farblosen Saft und wenige hellgelbe Körnchen. Diese Unter- schiede machen sich auch an den angegebenen Farben- veränderungen bemerkbar. Die Oberseite färbt sich nämlich bei allen sehr schnell, die Unterseite langsam und nur gelb oder gelblich grün.

Wollen wir noch einige Specialitäten, wie sie sich aus der Zusammenstellung der Farbenveränderungen ergeben, etwas näher ins Auge fassen, so stellen sich noch folgende Resultate heraus.

Unter den 86 verschiedenen in angegebener Weise unter- suchten Pflanzensorten befinden sich 12, welche gar keine Veränderung durch Ammouiakgas zeigen. Daboi sind 7 gelbe und 5 dunkelviolette und rothe Farbstoffe. 7 Farbstoffe zeigten sich nach zwölfstündiger Einwirkung des Ammoniak- gases zersetzt, so dass nicht nur der Farbstoff' zersetzt, sondern auch die Struktur der Pflanze selbst verändert und erweicht erschien.

Ganz dunkles Violett zeigte in allen Fällen durchaus keine Veränderung.

Der blaue Farbstoff der ersten Klasse wird theils nicht verändert, theils schmutzig grün und dann gebleicht.

Zum Unterschiede von den an Körnchen gebundenen Farbstoffen ergibt sich die Wirkung des Ammoniakgases auf die gelösten Farbstoffen weit energischer; hier wird Blau immer Grün, das schönste Grün zeigt Lilla und hellviolett.

Die Veränderungen, welche das Ammoniakgas an den Farbstoffen der Blumen hervorbringt, ist in den meisten Fällen sehr nahe übereinstimmend mit den Veränderungen, welche dieselben allmälig beim Vorgange des Welkens durch- laufen. Eigenthümlich ist die Stabilität des gelben Farb- stoffes bei Lotus corniculatus ; dieser gelbe Farbstoff' wird

Namen der Pflanzen.

\

Natürliclie Pflanzenfamilie.

Ursprüngliche Farbe.

44.

Iberis violacea.

Cruciferae.

Violett.

45.

Lavatera trimestris.

Malvaceae.

Rosa.

46.

Linum perenne.

0

Lineae.

Hellblau.

47.

Lotus comiculattcs.

Leguminosae.

Gelb.

48.

Malva sylvestris.

Malvaceae.

Rosa.

49.

Maricaria.

Compositae.

K einweiss.

50.

Melampyrumsylo.

Scrophularineae.

Gelb.

51.

Nicotiana virginiana.

Solaneae.

Hellroth.

52.

Nigella datnascena.

Hellblau.

53.

Oenothera.

Onagraviae.

Schwefelgelb.

54.

Ocalis ietraphylla.

Oxalideae.

Rosa.

55.

Papaver BJioeas.

Papaveraeeae.

(Jinnoberroth.

56.

Petunia hybrida.

Solanae.

Violett.

57.

Phlox.

Hell-Lilla.

58.

Phlomis.

Lahiatae.

Lilla.

59.

Physalis ÄlkeJce7iJci.

Solanae.

Mennigroth.

60.

Pisum sativum.

Leguminosae.

Violett.

61.

Prunella.

Lahiatae.

Dunkelviolett.

62.

Eaphanus.

Cruciferae.

Weiss.

63.

var. a.

M

Helllilla Spitzen.

Veränderung

der Farbstoffe frischer Blumen und Blütheu durch Ammoniak?as

Tab

-1. Tische Z,

, , „, m e n s t e 1 1 0

g.

Saun d<T Pauu.

Pfluseii- Familie,

l r'prÖBgliclie Fute.

VcrtadeniDp der Färb« uch 16 SliDoten.

Verändenn^ der

Farbe Dach 3

Standen.

Verinderung d(r

Farbe nicii 11

Stunden.

I. Äjuga TtpUaa

Laibiatae.

Bbia.

BUo.

Grün, Missfarbigi

i. Allhea roua.

Malvactae.

Rosa.

Scimutiig grüne Spillen. ScbmuU, grüue Spillen

3. tar. a.

DimkelrioleB.

Ganz unTerändcrt.

i. rar. b.

Hellriolctt.

Grüne Flecken.

Grüne Flecken.

Grüne Flecken,

5, AUium Schoenopros.

Liliaaae.

Ilellroüi.

Sdimutzig hellrotb.

Grüne Spuren.

Grüne Sporen.

6. Antirrhinum.

ScTophulahnrar.

Ooiildrotii.

Schwane Flecken.

Schwarze Flecken.

Schönes Blau mit

7, Anthanis tinct.

CompositM.

Scbwefelgelb.

Ganz nnreränderLI

eigenthüml, Anllug.

8. rar.

Weiss.

Weiis.

Gelblich. Schwefelgelb.

9. ämUt chinmit.

RothiioleJt,

RothTiolett

Rothriolctt. Grüne Spitzen.

10. ,. rar. a.

:

lUllblaa,

HeUbUn.

IKllblan. Abgestandene Spitzen.

11. ror. l.

DoDkelblao.

Gninc Spitzen.

Gelblich. Blaugrünu Spitzen.

12. Mr. e.

..

DanlielnoleU.

Gituz unrerändert.

13. navM Angliat.

Lebbaftrath.

Ganz uDTcräodcrt

H. «ne/ta.

BlaUTJolott.

Ilellgruue

Flecken.

HellgrUno Flecken.

15. Borago offieinat.

Borayineae.

Ilcllblao.

HellbLu,

Hollblau,

Schmutzig gebleicht.

IC. rar.

Abgestanden.

17. Coffndufa,

Cmpoiilae.

Reingclb.

Guus onreründorl.

18 Calcmlaria nju.

Smptiularinmr.

Hellgelb.

Hellgelb.

Hellgelb. | Dunkolgclb,

19, C'am;j<inii/a gro«.

CampanuUtftae.

filauTioUtt.

Qrün.

Oebloicht.

20. bilidiclig.

Vi„loll,

QebleichL

Ilellrialcu.

üriino !•

ecken.

32. Carduut.

Compohttu.

Violeltrotb.

Mtl Aoitnabiii

* griiiiur Spitzen gunz unrorandert.

23. CcM/raiiMu.

Valerianear.

Danki'lrath.

Donkilrolli.

Sriimutzig grün. | Schmalzig grUn.

'.'4, Cm/aurra jaz-rti.

Compcsitae.

Roth.

Mit ,\ii>naliui

grUdor Spitzen ganz unvoräojeru

2'». ,. fyanta.

Violott.

Ganz onrcründort.

■!(,. C,r)iorimn htgimi.

Reinblau.

OrUn.

UrUn.

Gclblicht; AuUieroa

27. ContvIiWiu.

Ccnnlnitaene.

Violelt.

Violelt,

UullgrUn.

grUn, Hellgrün.

2f*. CVrfopiu bintor.

Compotitae

(iobUclb.

Goldgelli.

Goldgelb.

Uunkelgelb.

1*9, (*onaii(/niM »ofir.

rmUUiTTar.

Weio.

OiilblicbKrOn« SpiU.n.

Golblichgrüno

Scbnutziggolb.

mi C«.™,.«,, ran.1.

l^!n.mi.a^

llluniolelL

tllauTiolelL

S|iitzeo. lllauTiulcIt. 1 Schwofelgelb.

31, Cflm naom.

CompMilar

Ilolbrioirtt.

tllaue Fi

•dien, 1 Hellblau.

SJ, /ImalAu C-arttMwt

i^ahcpifllae

Roth.

Ganz unrerändert.

33, /M^i.i» ^orwM

RammKulcnar.

ReiDdunkelblalt.

»diiiic

Izig dunkelgrüne Hecken.

..

RUatioletl

ürüne Fl

Kkeri. 1 Miaaaifcig.

3i, J)tYUW>|JUIlB..

Lötiota,

IMIlUla.

HillCrtB^ 1

Hellgrün. | Gelb, abgaalandai.

36, »Tfu» P<n<<i

CrW^

Sdiöar-Ib.

Ganz nnveraaden.

s; Fmtkna ronn»

Itollie KaliUiBuer.

Uorerin

Jen 1 BUo. Fleckan.

^^, rnüh«.

//«mnUi/nu'

Ilellnob«.

(Ha

Qrün. Orüa.

S9, O^Ham i»vl

OA,

OJb.

Gelb. 1 Sehmiilzif brano.

10 IMfPmn-m

Rma

Kiaa.

Ron. j OTüa.

II I/r«ru f<V..

Wn«.

«■>■

W«*-. 1 ZarMlzL

«,

Itotb.

iJilmtStia^

»r».

1

baakcUita«.

QrtMSftoaa. 1

Gr«M Sfalus.

ttahigrun.

Naiürhclie

Ursprüngliche

Veränderung der Farbe nach 15

Veränderung der Farbe nach 2

Veranderang der Farbe nach 12

men der PSsDien.

Pflanz enfaiDilie.

Farbe.

Minuten.

Stunden.

Stunden.

heris violacea.

Crudferae.

Violett.

Qriin.

Unverändert.

Mvatera trimestris.

Malvaceae.

Rosa.

Einzelstehende hellblaue Flecken.

Anum perenne.

Litieae.

Hellblau.

Gebleicht.

otus comiculatm.

Leguminosae.

Gelb.

Ganz unverändert.

\talva sylvestris.

Malvaceae.

Rosa.

Schmutzig grüne Spitzen.

laricaria.

Compositae.

H einweiss.

GelblichgrüD schmutzig.

felampyrumsylo.

Scrophularineae.

Gelb.

Ganz unverändert.

Ticotiana virginiana.

Solaneae.

Hellroth.

Schmutzig grün.

Trichter gelb. Trichter gelb.

Hgdla damascetia.

Hellblau.

Grüne Flecken.

Grün. Gebleichte Spitzen,

enotkera.

Onagraviae.

Schwefelgelb.

Ganz unverändert.

caUs tetraphylla.

Oxalideae.

Ropa.

Blaue Flecken. 1 Grünlich blau.

^apaver Ehoeas.

Papaveraeea,.

Cinnoberroth.

Cinnoberroth.

1 Cinnoberroth. \ .Missfarbig gebleicht.

"^etunia hybrida.

Solanae.

Violett.

Smaragd grün.

1 Smaragdgrün,

^Uox.

Hell-Lilla.

Hellgrün.

^hlomis.

Labia tae.

Lflla.

Lilla.

Ulla. 1 Gebleicht.

Viysalis Alkekenki.

Solanae.

Mennigroth.

Mennigroth.

Mennigroth. \ Braun zerzetzt.

^is^itm sativum.

Leguminosae.

Violett.

Grüner Rand.

°rmdla.

Labiatae.

Dmikelviole«.

Grün. 1 Dunkelbraun.

'.aphanus.

Criiciferae.

Weiss.

Adern

giün, Petalae gelblich grün.

,H— «HÜ-fl—

Helllilla Spitzen. Ulla.

Spitzen grün.

var. h.

Grün.

alvia Cardinalis.

Lahiatac.

Blutroth behaart.

BKiue Flecken.

alvia ofßcinal.

Labiatae.

Dunkelviolettblau.

Dunkelviolettblau. | Grüner Anflug.

""cabiosa.

Dipsacear

Dunkel violettbraun.

Antheren grau, Pelalae unverändert.

""ilena Armeria.

CariophyUae.

Rosa.

Blaue Flecken.

Schmutzig giün.

Symphitum offtcin.

Schmutzig violett.

Scbmutzigviolett.

Grün

Grün.

Tctragonobultts.

Leguminosae.

lüutroth.

Blutroth.

[llutroth.

Braun.

Tldaspi arverinus.

Cniciferae.

Weiss.

GelbUch grün.

"rifoliwn pratetis.

Leguminosae.

Hoth.

Roth.

Rf'lll. 1 Braun.

rropacolum maj.

Oiangeubraun.

Orangenbrauii-

Braune H,ck,n.

Viola maxima.

Violaccae.

Gelb.

Ganz unverändert.

var. a.

HeUblau.

llellblau.

Grün. 1 Urün.

var. h.

(Ob. Petal. duokeltiol.

lUnt. hellvioletl.

Ganz unverändert.

/üb. Petalae hellblau.

Grün.

lünt. gelb.

QrUn. Ganz unverändert.

var. d.

Dunkelblauriolett.

Ganz unverändert.

Zinnia elegatis.

Compositae.

Ziegelroth.

Ziegolroth.

Ziegelroth.

Grünbch brmn, 1

var. a.

Menuigroth.

Mennigroth.

Mennigroth.

Scbonbniuu. 1

var. b.

Scharlach.

Dunkelblau.

Dunkelblau.

Cafebraun. 1

» var e.

Cinnoberrotli.

Schwarae Spitzn

Schwarze Spitzen,

S,.mn.l«cbwar2. 1

., rar. d.

Lillahellroth.

Grün.

Grün.

Antheren gelb, H

vor. e.

Ulla.

Grünspahu, ^|

var. f.

Carminlill«.

Blaugrüno

Spitzen. Unteiaeito gelbgrün, ^

" "'* '■

"

Fleischfarben.

Schümtzig, j

Grünlich.

Grünlich, ^M

II fc"-»" . ^ ao» bUarothen Saft

^Mii ■■*'"',_ iKll«! "di nocli folgend»

' '*" *" .ürrf«i« "<* 12, weldie gir kein. •••rV^^ ,^. K.rt»toirc- 7 K.rh»U,ff.